„Once we were born...“, klar, 20 bis 25 Jahre zu spät wohl. Anders kann ich mir nicht
erklären, daß auch dieser Haufen „Throwbacks“ dem alten 70er Orgelrocksound fröhnt wie
nichts Gutes. Oh, nichts dagegen, ich finde das geil, 70er Fans sollten das auch geil
finden, da THE DEVINE BAZE ORCHESTRA sich nicht nur bemühen, einen originalen Sound zu
erschaffen, sondern diesen auch erreichen. Das Spiel ist locker, die Atmosphäre ungezwungen,
die Soli brodelnd, die Musik eine Mischung aus bluesigen, hardrockigen, angejazzten und
freakigen Zutaten, die aber stets in straighten Rocksongs zusammenlaufen. Diese Songs
besitzen dann das Charisma und die eigene Ausdruckskraft, die einem großen Teil der
heutigen Szene fehlt, die aber schon bei so mancher Band 1971 kaum bis gar nicht vorhanden war.
Nach den drei wilden Powernummern „Dance“, „Choose your green“ und „Trota die mare“,
welche mit furiosem Orgel – und Mellotronspiel den Zuhörer in ihren Bann reißen, ihn
dann mit ihren eigenwillig coolen Melodien hypnotisieren und hiernach komplett ausgelaugt
zurücklassen, wird es mit „Orange and turquoise“ dann bluesig sanft, wobei ein leichter
Hauch von Psychedelik darüberschwebt. Hardrockige Eruptionen lockern die Nummer nicht
unwesentlich auf und reißen den sich sanft in den Harmonien wiegenden Fan kurzfristig
wieder aus seiner Lethargie. Schönes Orgelsolo. Die Atmosphäre ist sehr entspannt, man
fühlt sich frei, wie im Fluge, hoch über all der Hektik. Irgendwann wird das Stück für
eine weitere Leadpassage recht heavy, der Gitarrist geht hier komplett aus sich heraus
und fetzt uns ein jaulendes Powersolo um die Ohren, welches Hendrix, Clapton oder Gallagher
nicht besser hätten zelebrieren können.
Das folgende „In search“ ist eher progressiverer Natur. Es beginnt bei den eingängigen
Melodien, die einer nicht unbedingt mainstreamkonformen Richtung folgen, geht mit der
schwebenden, sehr friedvoll wirkenden Traumpassage in der Mitte weiter und endet in
verwinkelteren, härteren Rockabschnitten. Klasse!
„Little man“ ist eigentlich heavy, fast schon doomig kommen seine Riffs, wenn da nicht
die sanfte erste Hälfte einer jeden Strophe wäre, die dann im zweiten Teil schier explodiert.
Jazzige Parts finden sich in diesem Stück, die eine Baratmosphäre aufkommen lassen, aber auch
sie werden von dem doomigen Hauptriff wieder zermalmt. Ein grooviger Rhythmus und ein
einprägsames Hardrockriff reißen Dich mit, werden von einer besänftigten Phase abgelöst,
die in einem coolen Solo mit mystischer Melodiestruktur mündet. Dann geht es nochmal in
gleicher Weise los und gut ist es. Hat was, der Song! Charakter nämlich.
„The person“ rockt flott und hart drauflos, hat anfangs einen Südstaatentouch, wird dann
aber wieder entspannter für die Gesangsparts. Ein cooler, bluesiger Rock kommt zum Tragen,
immer irgendwie kurz vor dem Ausbruch stehend und dann tatsächlich für den Refrain in einer
wilden Eruption mündend. Allerdings sind auch hier progressivere, verspielte Einlagen zu
vernehmen, die mit Mellotronbombast die Sinne betören. Kurz nur in ihrer Dauer, aber durchaus
dem Stück einen schönen Farbaspekt schenkend. Der Refrain ist sehr packend und emotionsgeladen.
Es scheint, als wollten THE DIVINE BAZE ORCHESTRA hier keinen klaren Stil finden, pendeln sie
doch aufgewühlt zwischen Hardrock, Prog, Blues und Barjazz hin und her, lassen dieses Stück aber
durchaus einfach nur nach ihnen selbst klingen. Wenn das ihr Stil im Zirkus der harten Beatmusik ist,
dann sollen sie ewig hoch leben!
„The man from my mother's brother“ hat in seiner Einleitung einen hypnotischen Beat, zu dem
es sich genial abtanzen lässt, wird dann aber sehr fröhlich, bekommt fast einen BEATLES Ausdruck
und streichelt sanft die Sinne mit balladesken Gesangspassagen, deren instrumentaler Hintergrund
zwar zuweilen ein wenig intensiver und wuchtiger wird, die aber nie ihre sehr positive Ausstrahlung
verlieren. Man schwebt total euphorisch in einem bunten Farbenuniversum herum, wie man es eventuell noch
vom „Yellow submarine“ Film kennt. Doch da ist wieder der hypnotische Beat, mit geheimnisvoll
klingenden Bass – und Gitarrengrundlinien belegt, auf denen dann die Leadgitarre erst heavy,
dann jazzig ihre Soli auf den Hörer abfeuert und ihn in einen Trancezustand versetzt.
Der Mix aus URIAH HEEP, KING CRIMSON und MAHAVISHNU ORCHESTRA, der im Beiblatt propagiert wird,
kommt hier besonders klar zur Geltung. Eine absolute Offenbarung, wenn man so will. Diese Scheibe
wäre schon 1970/71 zu einem absoluten Klassiker geworden, ich übertreibe nicht. Heuer ist sie natürlich
ein Paradebeispiel für junge Bands, die sich dem 70er Klang verschrieben und ihre ganz eigene Methode
seiner Umsetzung entwickelt haben.
Weniger aufwühlend heavy, dafür eindringlich und cool geht es mit „Closing the circle“ in die vorletzte
Runde, obschon auch hier schön fetzig treibende Wahwahhardrockparts zu finden sind, allerdings auch
mit vielen sehr ruhigen Einlagen verbunden. Hart und dabei sehr pompös wird es ebenso, allerdings selten.
„Burned by the sun“ an letzter Position pendelt zwischen ruhigen, gefühlserfüllten Momenten, sehr
intensiver Leidenschaft und freakig – progressivem Hardrock. Die Melodien sind so ergreifend, daß man
sich selbst seiner Tränen nicht schämen sollte, sofern es einen packt und schüttelt. Eine kurze Passage,
die nur vom entspannt dahingroovenden Schlagzeug bestritten wird, mündet in einem Orgelrockinferno,
getragen zwar, aber so durchdringend lustvoll. Dann wirbelt die Orgel für sich allein einige an klassische,
besonders kirchlich genutzte Musik erinnernde Akkorde. Aus, das Album ist vorbei.
Ein gelungener Abschluß für ein wirklich gutes Retrorockalbum, das sich selbst vor den Originalen nicht
zu verstecken braucht, was bei dem 70er Revival oftmals schon anders war. Selbst orthodoxeste 70s
Fanatiker sollten hier ein Ohr riskieren, dieses Album bringt jedes Herz zum schmelzen.
Rating: 9 / 10
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